Fachtag "Inklusion, Diversität und Engagement in der Kultur"

Wer engagiert sich eigentlich im Bereich Kultur? Im Rahmen der Woche des bürgerschaftlichen Engagements fand am Montag, 11. September 2017, ein von der Bundesvereinigung Kultureller Kinder- und Jugendbildung (BKJ) organisierter Fachtag zum Thema "Inklusion, Diversität und Engagement in der Kultur" statt. Dr. Mareike Alscher stellte die wichtigsten Ergebnisse der Sonderauswertung "Kultur" des Freiwilligensurveys 2014 vor, Jana Priemer die Ergebnisse der ZiviZ-Studie 2017.

Engagement wird im Freiwilligensurvey anhand folgender Kriterien erfasst: eine Tätigkeit muss freiwillig, unentgeltlich, im öffentlichen Raum und gemeinschaftlich erfolgen.

Hier die Zusammenfassung der Sonderauswertung Kultur:

1. Freiwilliges Engagement nimmt im Bereich Kultur zu

Der Freiwilligensurvey unterscheidet zwischen Aktiven (z.B. den Beteiligten eines Musikensembles) und Engagierten (z.B. Übernahme von Organisationsaufgaben einer Musikaufführung). Die Zahl der Aktiven ist in den vergangenen Jahren von 16% im Jahr 1999 auf 19% im Jahr 2014 gestiegen, somit ist nun fast jede/r fünfte Befragte im Bereich Kultur aktiv. Noch stärker zugenommen hat die Zahl der Engagierten von 5% (1999) auf 9% (2014).

2. Es ist noch Potential für mehr Engagement im Bereich Kultur vorhanden

Von denjenigen, die sich bereits engagieren, können sich 17% "sicher" vorstellen, noch mehr zu machen. Weitere 46% sind immerhin "vielleicht" bereit, sich noch intensiver einzusetzen.

Schwieriger wird es mit denjenigen, die sich bisher nicht engagieren: nur 12% aller bislang Nicht-Engagierten können sich "sicher" ein Engagement vorstellen, von diesen haben 69% eine Vorstellung, in welchem Bereich sie sich "sicher" engagieren möchten und von diesen sehen sich 27% im Bereich Kultur. Das ergibt also nur einen kleinen Prozentsatz, der sich zwar bisher nicht engagiert, aber demnächst sicher im Bereich Kultur aktiver beteiligt sein möchte.

3. Menschen, die sich im Bereich Kultur engagieren, sind überwiegend weiblich, älter und höher gebildet

Auffallend viele der Engagierten kommen aus der Altersgruppe 45-54, besonders wenige aus der Altersgruppe 25-39.

4. Leitungs- und Vorstandsfunktionen sind weitgehend männlich besetzt

40% der sich im Kultur-Bereich engagierenden Männer, aber nur 29% der sich im Kultur-Bereich engagierenden Frauen haben eine Leitungs- oder Vorstandsfunktion.

5. Trend hin zur Selbstorganisation

Vereine und Verbände sind mit 56% weiter die wichtigsten Organisationsformen für freiwilliges Engagement im Kulturbereich. Daneben gibt es aber immer mehr selbstorganisierte Gruppen, Initiativen und Projekte (21%). Besonders für jüngere (25-34 Jahre) sind diese Organisationsformen attraktiv.

6. Organisations- und Kommunikationsaufgaben sind die Hauptinhalte der im Kultur-Bereich Engagierten

Die Organisation und Durchführung von Treffen und Veranstaltungen steht mit 78% an erster Stelle, gefolgt von Informations-/Öffentlichkeitsarbeit (49%), Vernetzung (34%) und Mittelbeschaffung (22%).

7. Spaß am gemeinsamen Tun ist vordergründiges Motiv für Engagement im Kultur-Bereich

85% der im Kultur-Bereich Engagierten nannten "Spaß" als ihr wichtigstes Motiv, gefolgt von "die Gesellschaft gestalten" (67%), "Generationenaustausch" (65%) und "Zusammenkommen" (65%). Qualifikationen zu erwerben und beruflich voranzukommen sind naturgemäß für Jüngere (insbesondere die Gruppe der 14-29-Jährigen) wichtige Motive.

8. Jüngere und Ältere sind besondere Zielgruppen des Engagements im Bereich Kultur

Mit besonderer Aufmerksamkeit widmen sich Engagierte im Bereich-Kultur Kindern und Jugendlichen (36%) sowie Älteren (34%)  - andere Zielgruppen wie etwa sozial Benachteiligte (11%), Menschen mit Migrationshintergrund (9%) oder Behinderung (7%) spielen hingegen keine große Rolle.

9. Ansprechparner und Sachleistungen oder Mitsprachemöglichkeiten

Während Engagierte in Organisationen mit Hauptamtlichen öfter einen Ansprechpartner haben (71% versus 49%) und eher Sachleistungen wie Aufwandsentschädigungen erhalten (30 versus 16%), sind Engagierte in Organisationen ohne Hauptamt mit der Mitsprachesituation zufriedener ("sehr gut" stimmen 43% in Organisationen mit Hauptamt zu während nur 61% in Organisationen ohne Hauptamt dies sagen).

 

Hier gibt's die Sonderauswertung zum Download.

 

Fazit aus der Sonderauswertung "Kultur" des Freiwilligensurvey zum Thema "Kultur und Diversität":

Auf der einen Seite ist Kultur ein Allgemeingut und das Interesse an Kultur gruppenübergreifend. Dazu kommt, dass Menschen, die sich im Bereich Kultur engagieren, die Gesellschaft mitgestalten wollen. Theoretisch kann jeder Mitglied in einem Verein werden.

Praktisch vollzieht sich Interessenbündelung aber häufig unter Gleichgesinnten. So kann man sagen, dass unter den im Bereich Kultur Engagierten einige Gruppen unterrepräsentiert sind, dazu gehören z.B. die 25-39-Jährigen, formal gering Qualifizierte, Arbeitslose, Migranten, Behinderte, sozial Benachteiligte - und Frauen in Vorstanspositionen.

 

 

Auch die ZiviZ-Studie möchte Strukturen und Trends verstehen und hat dazu Organisationen der Zivilgesellschaft (Vereine, Stiftungen, gemeinnützige GmbHs und Genossenschaften) befragt. Hier die Zusammenfassung:

1. Kultur ist mit 16% nach Sport (23%) und Bildung/Erziehung (18%) der drittgrößte Engagementbereich. Die hier engagierten Organisationen sind fast ausschließlich Vereine (97%).

2. Die meisten Kulturvereine melden stabile Mitgliederzahlen. Dennoch hat der Bereich Kultur neben dem Bereich Sport die meisten Vereine mit rückläufigen Mitgliederzahlen, besonders betroffen ist der ländliche Raum. 44% der Kulturvereine haben "nicht genügend" Mitglieder.

3. Auch die Zahl der Engagierten im Kulturbereich ist überwiegend stabil, im ländlichen Raum gibt es aber Probleme. 43% der Vereine finden für Leitungspositionen nicht genügend Engagierte.

4. Die langfristige Motivation von Engagierten ist eine Herausforderung, besonders im ländlichen Raum. (77% der Kulturorganisationen arbeiten ausschließlich mit Ehrenamtlichen, 21% mit Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, 2% kommen ohne freiwilliges Engagement aus.)

5. Die Einnahmesituation ist gleichbleibend-steigend auf sehr niedrigem Niveau. (35% der Organisationen haben eine positive Entwicklung ihrer Einnahmen, 44% eine stabile und 21% eine rückläufige.) Allerdings haben 56% der Organisationen im Kulturbereich maximal 10.000 Euro im Jahr zur Verfügung. Deswegen sind viele Organisationen dringend auf Sachspenden sowie kostenfreie oder ermäßigte Nutzung von Infrastrukturen (z.B. Räume) angewiesen. 60% der Organisationen nutzen solche Formen der Unterstützung.

6. Zivilgesellschaft verbindet: Es gibt zahlreiche Angebote für spezielle Zielgruppen. 14% der Kulturorganisationen haben sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, interkultureller Austausch vor Ort war bei 10% der Organisationen oft und bei weiteren 30% gelegentlich ein Thema, internationaler Austausch bei 6% oft und bei 20% gelegentlich.

 

Fazit aus der ZiviZ-Studie zum Thema "Kultur und Diversität":

Bislang gibt es wenig kulturelle Vielfalt in Kulturorganisationen, es überwiegt eine ähnliche kulturelle Herkunft (86% der Engagierten bzw 81% der Mitglieder sind ähnlicher kultureller Herkunft).