Musizieren im Alter weckt Lebensenergie und Willenskraft

Vor knapp drei Jahren fand dieses Treffen erstmals statt. Was hat sich seither in der Seniorenarbeit verändert?

Das erste Treffen von Seniorenorchestern auf der Bundesebene 2013 hatte eine nachhaltige Wirkung auf die Landes-, Kreis- und Vereinsebene. Mehrere Landesorchester, zum Beispiel in NRW, wurden ins Leben gerufen, Kreisverbände sind dabei, eigene Seniorenorchester zu gründen. Und überhaupt ist die musikalische Seniorenarbeit durch den Impuls in Bad Kissingen als eigenständiges Arbeitsfeld in den Fokus geraten.

Was unterscheidet das Musizieren im Alter, also über 60, vom Musizieren „in den besten Jahren“?

Da gibt es zwei wesentliche Unterschiede. Das eine ist das Repertoire, also die in den Proben erarbeiteten und danach aufgeführten Musikstücke. Die jungen Musiker möchten am liebsten solche Musik spielen, die in ihrer eigenen Gegenwart aktuell ist. Solche Musikstücke treffen oftmals nicht den Geschmack der über 60-Jährigen. Sie tun sich damit schwer. Der zweite Unterschied liegt im Schwierigkeitsgrad der Musikstücke. Die heute ausgebildeten jungen Leute sind oftmals gut in Musikschulen oder im eigenen Verein in einem gestuften System von Anforderungen ausgebildet. Dagegen haben die heute 70-bis 80-jährigen Musiker in ihrer Jugend meist nur eine kurze Ausbildungsphase erlebt, und das nur selten bei Fachpädagogen. Wie die Erfahrung lehrt, ist aber eine Steigerung solcher in der Jugend erworbenen Fertigkeiten am Instrument nur in Ausnahmefällen zu erwarten. Deswegen fühlen sich die Älteren bei instrumentaltechnisch schwierigeren Musikstücken nicht wohl. Darum liegt der Schwierigkeitsgrad der von Seniorenorchestern gespielten Literatur bei einer in fünf Stufen ansteigenden Skala in der Regel bei den Stufen 2 und 3.

Woran liegt es, dass immer mehr Seniorinnen und Senioren die aktive Musik als Freizeitbeschäftigung entdecken?

Da ist zunächst die bekannte Tatsache, dass wir immer älter werden und in der nachberuflichen Lebensphase länger gesund und arbeitsfähig bleiben! Der Präsident der BDO, Ernst Burgbacher, spricht deswegen „von den Chancen einer länger lebenden Gesellschaft“. Das Spielen eines Musikinstrumentes, das konsequente Üben bedeutet neben dem Gewinn an Lebensfreude vor allem Arbeit, Anstrengung, Geduld und Zeit, Zeit, die früher im Alltagsstress gefehlt hat, jetzt ist sie da. Hier möchte man das in der Jugend investierte Kapital, nämlich die erlernten Fähigkeiten am Instrument, reaktivieren und womöglich noch ausbauen. Aber auch die andere Chance lässt sich beobachten, sich einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen, ein Instrument neu zu erlernen. Das ist möglich, weil das Denkorgan bis ins hohe Alter formbar bleibt.

Länger jung mit Musik! Was ist dran an diesem Slogan?

Dieser Slogan basiert auf Beobachtungen und Erfahrungen bei älteren Musikern in Musikvereinen und deren Aussagen, zum Beispiel: „Der regelmäßige wöchentliche Gang zur Probe und das Üben, um während der Probe mithalten zu können, geben meinem Leben Halt und Ziel. Die fordernde Aufgabe aktiviert meine Kräfte immer wieder neu.“ So oder ähnlich sprechen Musiker, die sich auch im Alter von über 80 Jahren durch Musizieren lebenstüchtig und geistig rege halten. Aber um ehrlich zu sein: Ein stichhaltiger wissenschaftlicher Beweis für die Richtigkeit des Slogans steht leider noch aus. Das lässt sich nachlesen in der jüngsten Publikation des renommierten Musikwissenschaftlers an der Universität Oldenburg, Gunter Kreutz „Warum Singen glücklich macht“.

Warum entdeckt man die Senioren als Zielgruppe erst jetzt? Warum rücken Sie erst jetzt in den Fokus der Vereine?

Bekannt ist das Phänomen „Musizieren im Alter“ schon lange. Bereits der römische Philosoph Cicero schrieb vor 2000 Jahren: „Als ich erfuhr, Sokrates habe im Alter Eifer im Saitenspiel gezeigt, da hätte ich das auch gerne noch gemacht.“ Wir brauchen aber gar nicht so weit zurück zu gehen. In der 50er bis 80er Jahren hießen die Institute zum Erlernen eines Musikinstrumentes in der Regel „Jugendmusikschule“. Allmählich setzte sich dann der Begriff „Musikschule“ durch, um die Eingrenzung auf Jugend aufzuheben. In den Musikvereinen war es üblich, spätestens mit Beginn des Rentenalters auszuscheiden. Das hat sich erst in jüngster Zeit geändert. Statistiken von Blasmusikverbänden zeigen, dass der Anteil an erwachsenen aktiven Musikern steigt. So wird verständlich, dass die die Lebensqualität verbessernden Vorteile der Musikausübung erst allmählich propagiert werden. Die BDO ist dafür Vorreiter auf der Bundesspitze. Es braucht Zeit, um aus dem demografischen Wandel auch im Freizeitraum Konsequenzen zu ziehen.

Heißt das, dass sich die Seniorenmusiker von ihrem Stammorchester absetzen und ins Orchester der Alten absetzen sollen?

Mitnichten! Senioren sollten so lange es geht im Stammorchester aushalten. Am besten ist es, wenn mehrere Ältere im Generationen übergreifenden Orchester spielen, sie stützen sich gegenseitig. Auch das gemeinsame Hocken nach der Probe mit den Jüngeren bereichert das familiäre Klima in Vereinen. Die Vereinsführung sieht auch, dass bei den älteren Spielern ein Wohnungswechsel viel seltener vorkommt als bei den jungen. Senioren liefern also auch eine Bestandsgarantie für den Verein. Und schließlich ist es auch nicht mehr nötig, dass Senioren Führungsstimmen übernehmen wie die Erste Hohe Trompete oder das Erste Horn. Ein Wechsel im Register erleichtert das Mitspielen.

Wie sieht die musikalische Seniorenarbeit derzeit aus?


Die vordringliche Aufgabe eines Verbandes für Seniorenmusiker ist die Einrichtung und der Unterhalt eines Seniorenorchesters. Die BDO hat aktuelle Angebote von Landes- und Kreismusikverbänden für Seniorenmusiker zusammen getragen. Danach existieren auf der Landesebene fünf Seniorenorchester, auf der Kreisebene 26 Seniorenorchester, davon allein in Baden-Württemberg 17 Blasorchester und zwei Bezirksakkordeonorchester. Kreisverbands-Seniorenorchester dienen als Sammel- und Auffangbecken für solche vereinzelten Seniorenmusiker oder Musikergruppen, die in ihrem Stammverein kein eigenes Seniorenensemble finden, und das sind die meisten Vereine. In Baden-Württemberg existieren bei 2300 Vereinen der Blasmusik erst 180 Vereins-Senioren-Blasorchester, die der BDO mit Adresse bekannt sind.

 

Bild links: Projektleiter Prof. Dr. Hans-Walter Berg. Das Interview wurde geführt von Thomas Fink (rechtes Bild).
Info:
Über Seniorenorchester in verbandlicher Trägerschaft hinaus bieten Verbände auch Fortbildungswochen an, die wir in einer Schrift aufgeführt haben: „Musizieren 60 plus – Ereignisse und Erkenntnisse“. Führend hebt sich hier die BDB-Musikakademie in Staufen (Baden-Württemberg) mit jährlich fünf Angeboten für Seniorenmusiker ab.
Die BDO versendet auf Anfrage den Einladungs-Flyer „Deutsches Musiktreffen 60 plus“ mit Anmelde-Formular (auch unter www.musiktreffen60plus.de) sowie kostenfrei die reich bebilderte 60-seitige Broschüre „Musizieren 60 plus – Ereignisse und Erkenntnisse“. Formlose Bestellung per E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.