Wettbewerb für Auswahlorchester 2010 in Bamberg

„Dieser Wettbewerb ist einmalig, weil bei keiner anderen Veranstaltung Spitzenorchester aus allen Sparten des Amateurmusizierens zur selben Zeit am selben Ort zusammenkommen“ begrüßte der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände (BDO) Ernst Burgbacher MdB die Teilnehmer und Gäste. Der Austragungsort, das bayerische Weltkulturerbe Bamberg, erwies sich als Glücksfall für 36 deutsche Auswahlorchester, die der Einladung der BDO gefolgt waren. Hier passte vieles zusammen: die von allen Bundesländern aus gut erreichbare Lage der Stadt in Nordbayern, die großzügig angelegte Konzert– und Kongresshalle mit zwei akustisch ausgezeichneten Sälen und dem E.T.A.-Hoffmann–Theater als dritten Vortragsort für die Orchester, das Entgegenkommen der Stadtverwaltung bei der Bereitstellung von Räumlichkeiten und der Vermittlung von Unterkünften sowie die hilfreiche Unterstützung durch die Vorsitzende und die Musiker des Kreismusikverbandes Bamberg.

 

 

Dem Wettbewerb vorangegangen war eine Vorbereitungszeit von zweieinhalb Jahren. Die BDO hatte 43 Städte nach ihrem Interesse an der Austragung des Wettbewerbs gefragt. Neun Städte, davon fünf in den Neuen Bundesländern, bewarben sich daraufhin. Bamberg erhielt auch deshalb den Zuschlag, weil nach Alsfeld in Hessen sowie Bruchsal und Trossingen in Baden-Württemberg der 4. Wettbewerb bevorzugt in einer bayerischen Stadt ausgerichtet werden sollte. Im Feistaat Bayern existieren nämlich 46 Auswahlorchester. Bayern liegt damit in der Orchesterdichte an zweiter Stelle hinter Baden-Württemberg.

 

Auswahlorchester repräsentieren das Amateurmusizieren in seinen 13.000 Musikvereinen mit 700.000 aktiven Orchestermusikern unter dem Dach der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände. Dabei kann der Begriff Auswahlorchester missverstanden werden. Es handelt sich nicht um ausgewählte Vereins– oder Schulorchester, sondern um Orchester mit ambitionierten und talentierten Musikern aus Vereinen im Umfeld eines Kreises, eines Bezirks, eines Landesteils oder gar eines ganzen Bundeslandes. „Dahinter steckt aber noch viel mehr“, wie Bernd Neumann MdB, Staatsminister bei der Bundeskanzlerin in seinem Grußwort ausführt: „Es setzt ein außergewöhnliches persönliches Engagement jedes Einzelnen voraus, sich neben seinen Aktivitäten im eigenen Verein den zusätzlichen musikalischen Herausforderungen zu stellen, als Multiplikator zu fungieren und als Nachwuchsförderer tätig zu sein.“ Musiker in Auswahlorchestern sind also in vielen Fällen die jetzigen oder die Führungskräfte von morgen in den Musikvereinen.


Die Auswahlorchester aus Bayern dankten der BDO die Wahl eines Ortes in ihrem Freistaat. Acht bayerische Orchester, vor allem aus Nordbayern, hatten die Einladung angenommen. Dennoch war, wie bei jedem der vorangegangenen Wettbewerbe die Beteiligung aus dem benachbarten Baden-Württemberg mit 14 Orchestern am höchsten, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit ebenfalls acht Auswahlorchestern. Der Zuspruch weiterer Orchester aus Niedersachsen, Brandenburg, Thüringen und Sachsen bestätigen die bundesweite Ausstrahlung und Anziehung des Wettbewerbs. Aus diesem Grund förderte der Beauftragte für Kultur und Medien den Bundeswettbewerb maßgeblich mit seinen Mitteln. Auch der Bayerische Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst unterstützte die Veranstaltung angemessen. Für ihre Reise und Verpflegung hatten die Orchester selbst aufzukommen. Zuschüsse für Übernachtungen konnten nur solchen Orchestern gewährt werden, die – wie von der BDO gewünscht – zwei Übernachtungen in Anspruch nahmen. Denn nicht allein den durch den Wettbewerb ausgelösten Motivationsschub für die Orchester sah die BDO als Aufgabe, sondern es sollten auch Kontakte zwischen Musikern, Dirigenten und Organisationsleitern geknüpft werden. Dazu fanden sich aber mit Ausnahme der Pausen zwischen den Vorträgen nur in der langen Nacht der Begegnung im Anschluss an die Verkündung der Wettbewerbsergebnisse Zeit und Gelegenheit.

 

Die Orchestervorträge bewegten sich – wie bei Auswahlorchestern nicht anders zu erwarten – auf außerordentlich hohem Niveau und das in allen Sparten, ob bei Akkordeon–, Blas–, Jazz–, Spielleute– oder Zupforchestern. Die Jurorenteams, bestehend aus drei und bei den heterogenen Zupf– und Saitenorchestern auch aus vier Experten, hatten bei dem qualitativ dicht beieinander liegenden Vorträgen keine leichte Aufgabe. Jedes Orchester durfte zwei oder mehr frei gewählte Kompositionen in einer Zeitdauer zwischen 15 und 25 Minuten vortragen, Blasorchester auf Landesebene konnten sogar 30 Minuten ausnutzen. Gewünscht hatte die BDO, dass ein Werk aus der Feder eines deutschen Komponisten stammt. 34 von 36 Orchestern hatten diesem Wunsch entsprochen. Drei Orchester hatten sogar Uraufführungen von Auftragswerken an deutsche Komponisten vorbereitet. Die höchsten Punktzahlen erreichten die drei Landesblasorchester und vier von insgesamt sieben Jazzorchestern. Mit Ausnahme der Spielleutekorps hatten alle erstplazierten Orchester den Rahmen der zulässigen Prozentanteile von Berufsmusikern ausgenutzt. Bei Jazzorchestern durfte maximal jeder dritte Musiker ein Profi sein, was bei dem Landesjugendjazzorchester Brandenburg und dem JugendJazzOrchester NRW mit jeweils gleich hoher Punktzahl auch der Fall war. Bei allen anderen Sparten waren höchstens 20% Berufsmusiker erlaubt. Alle weiteren Aktiven besaßen den Amateursstatus, waren also Musiker, denen das Musizieren nicht zum Lebensunterhalt dient, sondern als lebensbereicherndes Hobby.

 

Glücklicherweise konnten die Vorträge aller 36 Orchester auf einen Tag konzentriert werden. Durch mehrere Rundschreiben in den sieben Monaten nach Anmeldeschluss waren die Dirigenten und Organisationsleiter auf alle organisatorischen Vorgänge vorbereitet worden. Deswegen verlief der Wettbewerb in fast jeder Hinsicht perfekt, wie die einhellig positiven Rückmeldungen der Orchester widerspiegeln. Überschäumende Stimmung entlud sich bei der Ergebnisverkündung durch kaum endende „La–Ola–Wellen“ unter den 1.400 Musikern im Joseph–Keilberth–Saal. Es blieb nicht bei der Ergebnisverkündung, sondern ansehnliche Geldpreise wurden an etwa die Hälfte der Orchester verliehen, in der Höhe gestaffelt nach der Reihenfolge der erreichten Plätze. Die Oberfranken–Stiftung, die GEMA–Stiftung, die Stiftung der Sparkasse Bamberg und schließlich die BDO selbst hatten die Geldpreise als Belohnung für eindrucksvolle Demonstrationen musikalischen Könnens zur Verfügung gestellt, ein kleiner Ausgleich zu den erheblichen finanziellen Aufwendungen der Orchester für ihre Teilnahme.

 

Als weiteren Höhepunkt des Wettbewerbs hatten die BDO und der Kreismusikverband Bamberg zu einer Matinee am Sonntag nach Beendigung des Wettbewerbs eingeladen. Hier kamen zur selben Zeit am selben Platz im selben Musikstück vier Orchesterfarben, die sonst nur einzeln zu hören sind, zum Einsatz: das vor Ort bekannte Kreisblasorchester Bamberg, das LandesJugendAkkordeonOrchester Nordrhein-Westfalen, das Jugendzupforchester Baden-Württemberg und das Landesspielleute–Korps Nordrhein-Westfalen. Sie wechselten nicht nur einander ab, sondern vereinten sich auch noch zu einem „Vierklang“ des belgischen Komponisten André Waignein. Hans Walter Berg, Projektleiter des Wettbewerbs, führte diesen recht heterogenen Klangkörper aus rund 180 Musikern zu einem homogenen Gesamtklang, ein selten zu hörendes Klangspektrum und eine wirkungsstarke Zusammenfassung der Orchestervielfalt im Wettbewerb.